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Über den liebevollen Umgang mit Bindungsangst

Spielen wir das übliche Szenario einmal gemeinsam durch: Da tritt ein neuer Mensch in Dein Leben, den Du auf rein menschlicher Ebene echt gut findest. So verspürst Du sofort eine Herzensverbindung, ja eine mysteriöse Vertrautheit, die Eurem Miteinander jene Magic verleiht, die es bedarf, um sich in einander zu verlieben.

Du beginnst zu schwärmen. Zu träumen von gemeinsamer Glückseligkeit, die in Deinen Traumwelten endlich jene Erfüllung in sich birgt, nach der Du Dich so sehr sehnst. In diesen Traumwelten kannst Du Dich Eurem Verhältnis leidenschaftlich hingeben, ja euphorisch auf rosa Wolken schweben.

Plötzlich wird das Verhältnis alltäglicher. Was zuvor noch als bloße Schwärmerei abgetan wurde, scheint nun eine klare Struktur anzunehmen. Kommt da tatsächlich eine neue Beziehung auf Dich zu? Jene Form der zwischenmenschlichen Nähe, der Du in Deinen Träumen so gerne nachjagst?

Dein Verstand fängt an, komische, angsterfüllte Geschichten zu spinnen. Der Beziehungsskeptiker in Dir erhebt drohend den Zeigefinger und stellt Dir mahnende Fragen: Ist es wirklich das, was Du möchtest? Kann dieser neue Mensch Deine Erwartungen erfüllen? Und Du seine?

Panik schleicht sich ein. Eine Panik, die der Bindungsskeptiker durch ständig wiederkehrende Gedanken befeuert. Panik, die Dein Herz verschließen lässt und Dich in den Fluchtmodus versetzt. Aus der Traum vom Liebesmärchen!

Vielleicht läuft dieses Muster auch etwas tückischer ab. Wie intensiv der Bindungsskeptiker in Dein Bewusstsein drängt, spielt keine Rolle. Das Resultat ist ohnehin das gleiche: Obwohl Du es Dir aus tiefstem Herzen so sehr wünscht, kannst Du es einfach nicht: Dich mutig einlassen auf das Abenteuer von Beziehungen. Auf Nähe. Auf einen gemeinsamen Weg.

Willkommen in der Bindungsangst!

Deine Bindungsangst entspringt einer emotionalen Verletzung, die Du bewusst oder unterbewusst nie wieder spüren willst. Diese Vermeidungsstrategie lässt Dich immer dann die Flucht ergreifen, wenn Dein Frühwarnsystem Anflüge von Nähe wahrnimmt, die nicht mehr kontrolliert werden können. Bindungsangst ist die Angst vor Schmerz. Vor Abhängigkeit. Vor Verlust. Vor der Situation, mit all Deiner Verletzbarkeit bloß gestellt zu werden.

Hier kommen aber zwei gute Nachrichten für Dich. Erstens: Entledigst Du Dich der Diagnose Bindungsangst, erreichst Du ein Stadium der Liebesfähigkeit, die Dich weit über den klassischen, teilweise sehr egobasierten Beziehungskontext gegenseitiger Bedürfniserfüllung hinauswachsen lässt. Denn Deine Bindungsangst ist ein Sammelgefäß für sämtliche in Dir schlummernde Themen, die Dich davon abhalten, offenen Herzens Liebe zu geben und zu empfangen. Zweitens: Wir gehen Deiner Bindungsangst und allen damit verbundenen Themen nun gemeinsam an den Kragen.

So heilst Du Deine Bindungsangst und lernst, Stück für Stück vertrauensvoll Nähe zuzulassen

1. Gestehe Dir Deine Bindungsangst in voller Konsequenz ein. Immer derselbe Spruch! Aber es ist wahr: Du kannst nur das loslassen, was Du zuvor friedlich an Dir angenommen hast. Lege alle Deine Fassaden ab. Mach Dich emotional nackig. Spreche mit potenziellen Partnern offen und frei über Deine Ängste und über die Mechanismen, die Dich davon abhalten, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Und sei diesbezüglich liebevoll im Umgang mit Dir selbst! Weil uns der Mainstream nach wie vor die klassische Paarbeziehung als nicht zu hinterfragendes Beziehungsparadigma diktiert, neigen wir dazu, uns falsch zu fühlen, wenn wir dieses nicht erfüllen können. Verdränge Deinen Bindungsskeptiker nicht! Im Gegenteil: Lade ihn mit all seinen Ängsten in Dein Leben ein und spüre ihn in seiner ganzen Intensität. Schenkst Du ihm auf Gefühlsebene liebevolle Aufmerksamkeit, wird er aufhören, sich auf gedanklicher Ebene in Dein Bewusstsein zu schleichen, um dort sein destruktives Unwesen zu treiben.

2. Nimm Deine Verletzlichkeit in Liebe an. Wie gesagt: Bindungsangst ist auch die Angst, in all Deiner emotionalen Verwundbarkeit bloß gestellt zu werden. Sie lässt Dich hart werden, zum Kontrollfreak mutieren, dessen Komfortzone da aufhört, wo Du weich, sensibel und verletzlich wirst. Reiß all diese Mauern ein, die Du um Dein Herz gebaut hast und liebe Dich in all Deiner Sensitivität. Auch wenn wir uns vor unserer Verletzlichkeit fürchten: Sie entspringt jener kraftvollen Sanftheit in uns, die gefühlvolle Liebe erst möglich macht.

3. Lass es langsam angehen. Und das kann magisch sein. Viele Beziehungsjunkies neigen dazu, sich Hals über Kopf in Gott und die Welt zu verlieben, um dann in selbiger Höchstgeschwindigkeit wieder abzukühlen. Mach „Slow Love“ zu Deinem ganz persönlichen Abenteuer hinein in eine tiefere Form von Liebe und lege für Dich ein Tempo fest, das sich gut anfühlt. Steter Tropfen höhlt den Stein heißt es im Volksmund. Oder auch: Immer wiederkehrende winzige „Baby Steps“ aus Deiner emotionalen Komfortzone können langfristig ein stabiles Fundament für eine Beziehung entwickeln, in der Du wirklich Du selbst sein kannst. Du selbst ohne Fassaden und ohne Projektionen, denen Du Deinem Partner zu Liebe gerecht werden musst.

4. Rekonstruiere Dein Bild von Beziehungen. Glaubst Du, Du kannst all das noch einmal über Bord werfen, was Du über Beziehungen zu wissen glaubst? Dann tu es. Denn egal wie unterschiedlich die individuelle Story rund um die ursächliche Wunde der Bindungsangst auch sein mag. Eine Sache haben alle Bindungsskeptiker gemeinsam: Sie alle teilen ein verzerrtes, ungesundes Bild von Beziehungen. Ein Bild von Beziehungen, das von Ko-Abhängigkeit und der ewigen, vergeblichen Suche nach Vollkommenheit geprägt ist. Mit dieser egobasierten, unfreien Beziehungsvorstellung wird das eigentlich so freie Spiel der Liebe zu einem starren Zwang, der Dir jegliche Leichtigkeit und Unvoreingenommenheit entzieht. Betrachte Deine Beziehungen als Abenteuer! Als aufregendes, lehrreiches Experiment, in dem Du Dich spielerisch an Deine individuelle Liebesfähigkeit herantasten und für Dich herausfinden kannst, in welcher Form Du sie bevorzugt leben willst.

5. Identifiziere die Abläufe und Muster Deiner Bindungsangst. Je sorgfältiger Du Dich in die neutrale Beobachterrolle Deiner Angst stürzt, desto feiner wird Dein Gespür dafür, wann und unter welchen Umständen sie Dich übermannt. Dann bist Du in der Lage, sanft entgegenzusteuern, bei Dir zu bleiben und den Gedankensturm wie ein kurzes Sommergewitter an Dir vorbeiziehen zu lassen, anstatt der Fremdbestimmung Deiner Angstimpulse zu unterliegen. Und Du bist vor allem in der Lage der Dynamik des Dramas entgegenzusteuern, wenn Du Partner in Dein Leben ziehst, die Deine Ängste durch permanente emotionale Unklarheit immer wieder triggern. Hier gilt es, nicht in die Opferrolle zu verfallen und Eigenverantwortung für Deine Gefühle zu übernehmen. In einem gesunden Zustand der Selbstermächtigung und Selbstliebe solltest Du es Dir wert sein, toxischen Beziehungen nicht mehr länger Raum in Deinem Leben zu gewähren, ihren “Spiegeleffekt” Deiner eigenen Themen aber liebevoll als Heilungsbooster zu nutzen.

6. Heile die Wunden. Um Deine Wunden zu heilen, musst Du tief in ihren Kern dringen. Und Deine Beziehungsangst entspringt einer Vermeidungsstrategie, die genau das verhindert. „In den Kern dringen“ bedeutet nicht, sich auf Verstandesebene in den eigenen Leidensgeschichten alle Dramen bis ins kleine Detail zu analysieren. Das mag ein guter Startpunkt sein. Doch schließlich will jener Schmerz gefühlt werden, um in den Frieden gehen und losgelassen werden zu können. Meist führt Dich dieser Schmerz an Schocks und Traumata Deines inneren Kindes heran, die in den Tiefen Deines Unterbewusstseins weiterhin vor sich hin schwelen. Folge Deiner Intuition und spüre in Dich hinein: Welche Hilfmittel können Dich bei Deiner Heilung unterstützen? Sei offen für Neues und lasse Dich von Deinem Herzen zu kraftvollen Unterstützern Deiner Heilung führen.

7. Zum Schluss: Lass die Schuldgefühle los. Steckst Du mal wieder bis über beide Ohren in Deiner Bindungsangst, bist Du zusätzlich anfällig für die Selbstvorwürfe Deines selbstliebefeindlichen Egos, das Dir Gedanken wie „Mein Partner hat etwas Besseres verdient“ ins Gehirn pflanzen und Dich auf einmal mit der vollen Verantwortung für all Deine Beziehungen beladen will. Egal wie sehr Dein Umfeld auch unter Deiner Bindungsangst leidet. Jeder Mensch trägt Eigenverantwortung dafür, ob er diesen Weg mit Dir teilen will oder nicht. Ist er für diese Aufgabe offen, kann dadurch eine Beziehung entstehen, die in ihrer Herzensverbindung weit über den konventionellen Rahmen hinausgeht. Weil sie Herausforderungen bewältigt, die Grenzen sprengt. Auch dann lieben lässt, wenn das Ego nicht bekommt, was es fordert. Und euch herzöffnende Lektionen der bedingungslosen Liebe erteilt, die jede Angst schlussendlich in den Frieden führt.

Welche dieser Hilfsmittel berühren Deine innere Wahrheit?

Man kennt die kollektiven Klagen unserer Generation darüber, wie schwierig es geworden sei mit der Liebe und dem Aufbau von stabilen Beziehungen.

Allerdings kann man in der Beziehungsskepsis, in der “Beziehungsunfähigkeit” den Schlüssel für ein neues, lebendiges Beziehungsparadigma, das uns an den eigentlichen Kern der Liebe, fernab egobasierter Bedürfniserfüllung und Sicherheitsprojektionen führt, sehen. An eine Liebe, die ist. An eine Liebe, die heilt. Und uns Heilung erfahren lässt, weil sie uns, wenn auch oft schmerzvoll, den Spiegel so vorhält, das wir um Bewusstwerdung unserer Themen nicht mehr herumkommen.

Wir wünschen Dir Abenteuerlust, Liebe und Mut!


  


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Quelle: Ludwig (https://seelenrave.de/)